Von Mensch und Tier
Ein Tier denkt genauso wie ein Mensch. Denn ein Tier löst vielerlei Probleme: Wie findet es Nahrung, wie findet es ein Nest, wie findet es zur Paarung, wie ernährt es die Jungen und so vieles, ja alles mehr.
Diese Denkprozesse mögen ja nach streng vorgegebenen Mustern sich vollziehen, wir sagen, nach Instinkt; aber es ist ja kein Automatismus, kein sozusagen maschineller Ablauf:
Die Schritte des Problemlösens, die tatsächlichen Fähigkeiten der Tiere sind vorgegeben - aber jeder Lebensplatz ist unterschiedlich, jede konkrete Gefahr ist verschieden, das Wetter differiert von Tag zu Tag.
D.h., in der konkreten Situation denkt das Tier; es denkt, d.h., es muß für das konkrete Problem eine konkrete Lösung finden. Damit ist nicht gesagt, daß dieser Versuch der Problemlösung auch tatsächlich das Problem löst; es besagt nur, daß das Tier in jeder konkreten Situation anders handelt als in einer anderen konkreten Situation:
Die Katze flüchtet in dem einen Fall durch einen engen Spalt im Tor, im anderen Fall springt sie über einen Gartenzaun.
Da findet sich eigentlich kein großer Unterschied zum Verhalten des Menschen: Der Mensch hat andere Fähigkeiten, kennt andere Schritte zur Problemlösung; also handelt er auch anders, denkt er anders.
Ein Mensch hat den Gartenbau gelernt - also weiß er, wie er eine Pflanze behandelt, wie er einen Baum pflanzt usw. Ein anderer Mensch hat gelernt, beruflich Sport zu betreiben, Fußball, Tennis - also denkt er in dieser Sphäre. Alles, was man im Gelernten tut, ist wie das Denken des Tieres; es ist vom Wesen nichts anderes.
Die inneren Vorgänge , also die Physiologie, die Abläufe des Stoffwechsels, der Aufbau des Körpers usw., diese Vorgänge laufen ja beim Menschen und beim Tier sozusagen selbstgesteuert ab - ohne bewußtes Denken beim Menschen wie beim Tier.
Wenn ein Mensch Fernsehen schaut, einem Lied zuhört, so ist er auch in diesen Zuständen im passiven Erleben, im Gefühlsbereich - auch das hat mit aktivem Denken nichts zu tun.
Das aktive Denken unterscheidet vielleicht den Menschen vom Tier - und aktiv
heißt dann, Dinge neu zu tun, neu zu erfinden.
Dies bezieht sich auf alle möglichen Bereiche:
Beim Wandern sucht man bewußt den schönsten Weg, beim Arbeiten sucht man eine
Erleichterung, für das Fahren baut man eine neue Straße, ein Komponist schreibt
ein neues Stück.
Und beim Betrachten der Natur, der Dinge, der Sonne sucht man einen Grund dafür,
man sucht ein Gegenüber, einen Bezugspunkt, einen Adressat für Dank und Frage
nach Hilfe.
Diese beiden Aspekte öffnen den Menschen über das Tier hinaus - und anscheinend sind es nur diese beiden Punkte.
Das heißt, der Mensch ist zunächst auf einer Ebene mit dem Tier; die Gleichstellung mit ihm (und natürlich mit allem Geschöpflichen, mit allem Geschaffenen, mit Tier, Pflanze, Stein und Erde und Himmel liegt da nahe und führt zu innerem Frieden) ist das Natürliche.
Das aktive Denken führt den Menschen dann in eine andere Ebene - nicht, daß er dadurch übermütig, überheblich, hochmütig werden sollte; eher sollte das Gegenteil der Fall sein.
18.11.2006 Rainer Truöl