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Vom Bösen

Das Böse gibt es nur beim Menschen.

Denn das Böse besteht darin, Dinge, die ein anderer Mensch empfindet, denkt oder tut, gerade anders herum zu bewerten, als es der empfindende, denkende oder tuende Mensch selbst empfindet, denkt oder tut.

Diese Umkehrung, diese Verdrehung ist auch dem Name des Bösen inne: Teufel, Diabolos - der Verwirrer.

Es gibt also kein Böses an sich - sondern die Verdrehung ist böse.
Böse gibt es also nicht als Substantiv, als Subjet, sondern nur als Tätigkeit, als Verbum.
(Vielleicht aber wird diese Tätigkeit der Verdrehung von dem Bösen, von einer Macht des bösen, verursacht?)

Das Gefühl der Liebe zu einem Menschen - wenn diese Liebe ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Das Mitgefühl zu einem Armen oder Kranken oder Behinderten - wenn dieser Arme oder Kranke oder Behinderte ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Das Mitschwingen mit einem Konzert, mit einer Arie, mit einem Lied - wenn dieses Konzert, diese Arie, dieses Lied ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Wenn ein Mensch sich äußert, seltsam und  unbeholfen -  wenn dann dieses Äußern, diese Meinung  ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Wenn ein Mensch etwas Schönes baut oder kocht oder verwaltet - und wenn dann dieser Bau oder diese Speise oder diese Organisation ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.

Es gilt aber auch umgekehrt:
Das Gefühl des Hasses zu einem Menschen - wenn dieser Haß ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Das Mitgefühl, die Identifikation mit einem Großen oder Starken, oder Despot oder Tyrann - wenn dieses Mitgefühl ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Das Mitschwingen mit einem Hard Rock-Konzert, einem Gebrülle, einer Banalität - wenn dieses Konzert, diese Arie, dieses Lied ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Wenn ein Mensch sich äußert, eingängig und elegant -  wenn dann dieses Äußern, diese Meinung  ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.
Wenn ein Mensch etwas Häßliches baut oder kocht oder verwaltet - und wenn dann dieser Bau oder diese Speise oder diese Organisation ausgelacht, verachtet wird, dann ist dies böse.

Diese Aussage bedeutet aber nun nicht, da das Böse sozusagen wertfrei ist, man könne alles tun und lassen, was man möchte.
Gerade das Gegenteil ist der Fall:

Dadurch, daß man etwas nicht verachtet oder auslacht oder bekämpft, trägt man Frieden und Helle in sich.
Man trägt die Kraft in sich, daß das Häßliche oder Kranke oder Laute oder Unbeholfene oder Seltsame sich nicht verteidigt gegen Angriffe, sondern daß sich dieses alles öffnet und selbst friedvoll und hell wird.

Die Achtung des Anderen, des Andersseienden, die Güte, die sich jedem zuwendet ohne Angst und ohne Furcht, die helfende Hand, die sich weder vor dem Kleinen noch vor dem Großen scheut und die sich nicht abwendet - eine solche innere und äußere Haltung verändern die Welt.

Sollte es das Böse als Macht geben, dann wird diese Macht durch eine solche Haltung in ihren Grundfesten erschüttert - dann wandelt sich das Böse hinein in den Willen Gottes.


19.10.2006 Rainer Truöl