Vom gleichen Recht
Gerade wanderte ich hier in der Gegend in einem kleinen Tal.
Es war ein befestigter Weg, der sich neben einem Bächlein dahinschlängelte; meist war Wald daneben oder im Hintergrund.
Nur eine schmale Wiese erstreckte sich gelegentlich neben dem Weg.
In Gedanken versunken - in Gedanken: warum bemerken Tiere das sich ändernde Wetter, warum bemerken sie die Menschen: ist es der Geruch, die andere Zusammensetzung der Luft; ist es das Andere als solches, das Neue, Fremde, Unbekannte - und davor das Unbehagen, die Angst? - in solche Gedanken versunken schreckte ich durch ein Geräusch hoch:
Unmittelbar vor mir war ein schon größeres Rehkitz aus seinem kleinen Nest direkt am Wegesrand gesprungen, stand nur einige Meter entfernt in der vor kurzem gemähten Wiese (das getrocknete Gras war schon zum Zusammenfahren in Bahnen zusammengeschoben) und schaute mich fragend an.
Ich redete leise auf das Rehkitz ein. Dies schaute mich unverändert still - nicht einmal ängstlich - an.
Dann wechselte es plötzlich auf die andere Seite des Weges, wo Büsche und Unterholz sich befanden und wo nahe Deckung zu erhalten war. Doch das Rehkitz machte Halt, bevor es in den Büschen verschwand, und schaute mich wieder fragend an. Wiederum redete ich etwas zu ihm.
Ich glaube, noch lange hätte ich reden können; vielleicht wäre das Rehkitz dann sogar zutraulich geworden und hätte sich mir genähert.
Aber da durch einen Berührungskontakt das Rehkitz von dessen Eltern verlassen werden, wollte ich diese Einmischung nicht begehen.
Deshalb nahm ich nach kurzer Zeit meine Wanderung wieder auf. Das Rehkitz schaute mir nach. Dann war auch es verschwunden.
Diese Begegnung stellte mir wieder die Frage, die doch immer gegenwärtig ist:
Das Rehkitz ist dort in der Gegend zuhause; es hat sein Nest, seine Eltern, seine Nahrung dort.
Mit welchem Recht verjagen wir es?
Es ist wohl nur das Recht des Stärkeren; nicht das Recht des Weiseren, nicht das Recht Gottes:
Denn dort wird nicht von Verdrängung, sondern von Eden als dem Garten, in dem das Schaf und der Löwe gemeinsam leben, gesehnt.
Aber wir verdrängen nicht nur: Wir töten.
Es ist eigentlich unvorstellbar: Da kann irgendjemand kommen, mitten in Deutschland, auch und vielleicht gerade in den westlichen Bundesländern, der irgendwoher seine rechtliche Genehmigung hat (vom Ordnungsamt), zielt mit seinem Gewehr auf das Rehkitz (er sagt dann, er habe kein Rehkitz, sondern ein Reh gesehen), und tötet es.
Ohne eigentlichen Sinn und höheren Zweck - nur auf willkürliches Menschenrecht gegründet.
Rainer Truöl. 25.8.2000